Die Woche in Berlin

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September 21, 2012 by TorstenHenke

Ruhe jetzt! Merkel hat keinen Streit mit Streiter

Bundeskabinett: „Gewaltfreiheit ist besser geworden“

Ungewohntes Bild: Jubelfeiern für Dr. Dr. Rösler

Von Torsten Henke

Berlin – Diese Ruhe. Diese himmlische Ruhe. Ganz plötzlich. Gerade noch konnte man ihr gar nicht ausweichen. Bettina Wulff auf allen Magazin-Titeln und Kanälen. Zur Erinnerung: Das ist die arme, arme Frau, die von ihrem Mann gezwungen wurde, ins Schloss Bellevue einzuziehen. So ein böser Wulff! Doch die ehemalige First Lady hat sich befreit. Und ein Buch geschrieben. Ginge es um die Zahl der Kundenrezensionen auf der Internet-Seite des Online-Händlers Amazon, müsste der Schmöker alle Rekorde brechen. Nach nicht einmal zwei Wochen haben über 1.000 Leser einen Kommentar geschrieben. Das hat nicht einmal Harry Potter geschafft.

Manche Hobby-Rezensenten haben sich wirklich Mühe gegeben. Zum Beispiel der, der meint, der Titel „Jenseits des Protokolls sei“ nicht schmissig genug. Und gleich eigene Vorschlage mitliefert. Etwa den: „Armutsfalle Ehrensold – Eine Betroffene klagt an.“ Diese kleine Bosheit steht exemplarisch ebenfalls für die professionelle Kritik. Mit einem Wort: verheerend. Damit schien die Autorin und PR-Expertin nicht gerechnet zu haben. Und sagte alle Talkshow-Auftritte, Interviews, Lesereisen und Autogrammstunden ab. Also: Es herrscht wieder Ruhe.

Manchmal muss man auch dafür sorgen. Sogar als Kanzlerin. Es ist keineswegs selbstverständlich, dass alle ehrfürchtig lauschen, wenn Angela Merkel Gewichtiges zu verkünden hat. So wie neulich, als der kroatische Ministerpräsident Zoran Milanovic zu Besuch war. Als Merkel nach dem Treffen vor der Presse eine Stellungnahme abgab, wurde getuschelt im Saal. Den vermeintlichen Übeltäter hatte „Mutti“ schnell ausgemacht: ihren stellvertretenden Sprecher Georg Streiter. Der flüsterte mit seiner kroatischen Kollegin. Was allerdings ein abruptes Ende fand.

Wie Peitschenhiebe hallten ihre Worte durch den Saal: “Herr Streiter, wenn Sie etwas leiser reden könnten, wäre das sehr hilfreich.“ Volltreffer. Absolute Stille im Saal. Eine solche öffentliche Rüge kannte man bisher nur von Finanzminister Wolfgang Schäuble, nicht aber von der Chefin. Das Pikante: Der Gescholtene gab später an, er habe eigentlich gar nicht geschwätzt, sondern selbst die Kroatin um Ruhe gebeten. Das hat er Merkel auch gesagt. Zurücktreten, wie einst Schäubles Sprecher, will er nicht. Denn: Streit haben sie nicht, die Kanzlerin und ihr Streiter.

Was man nicht unbedingt von allen Mitgliedern des Kabinetts sagen kann. Ursula von der Leyen und Kristina Schröder liefern sich einen – mit Verlaub – Zickenkrieg über die Frauenquote. Und auch Guido Westerwelle, Thomas de Maizière und Dirk Niebel haben schon manchen Strauß ausgefochten. Nun haben sie zusammen ihr Konzept für die künftige deutsche Sicherheitspolitik in Krisenländern vorgestellt. Dabei kam heraus, dass es zwischen ihnen offenbar schon mehr gekracht hat, als allgemein bekannt war: „Die Gewaltfreiheit im Umgang untereinander ist besser geworden.“

Gewaltfrei geht es auch zwischen von der Leyen und Philipp Rösler zu. Verbal jedoch wird knallhart gerungen. Aktuell über den Armuts- und Reichtumsbericht der Arbeitsministerin, dem der Wirtschaftsminister partout nicht zustimmen will, weil er glaubt, darin ein Plädoyer für Steuererhöhungen gefunden zu haben. Doch die Kollegin will davon nichts wissen. Obwohl, verdächtig klingt dieser Satz schon: „Die Bundesregierung prüft, ob und wie über die Progression in der Einkommensteuer hinaus privater Reichtum für die nachhaltige Finanzierung öffentlicher Aufgaben herangezogen werden kann.“

Ja, ja, der Vizekanzler. Wie beliebt er ist. Die Massen liegen ihm zu Füßen. Kürzlich haben sie ihm sogar eine Ehrendoktorwürde verliehen, einen großen Blumenstrauß überreicht und seine außerordentlichen Verdienste gefeiert. Nicht einmal die Karriere als Kreisvorsitzender in Niedersachsen wurde bei der Lobhudelei ausgelassen. Während seiner Dankesrede haben sie an seinen Lippen gehangen. Freiheit! Marktwirtschaft! Welch spannende Themen. Donnernden Applaus haben sie im gespendet. In Hanoi, Vietnam. Dort, wo der Mann geboren wurde, der sich jetzt Dr. Dr. Philipp Rösler nennen darf.

 


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